Westdeutsche Zeitung, 17.01.2026

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Ein Weg zur Selbsterkenntnis
Bodypainterin Elisabeth Mader sprüht und pinselt auf nackter Haut

Wuppertal · Nun hat die Wahl-Wuppertalerin ein Buch veröffentlicht.

Von Evgenia Gavrilova

Elisabeth Mader ist Bodypainterin. Das heißt, sie grundiert, skizziert, pinselt und sprüht auf nackter Haut. Ein Werk, das sie schon mal fünf bis sechs Stunden kosten kann, sei nur von kurzer Dauer und hält bis zur nächsten Dusche, sagt dazu die Künstlerin, und: „Es lässt sich so kein zweites Mal wiederherstellen.” Deshalb folgt im Anschluss an eine Ganzkörperbemalung oft gleich ein Fotoshooting, ein Videodreh oder eine Party. „Es ist wie Kinderschminken in groß”, lacht die Künstlerin. Mit dem Unterschied, dass diese Erfahrung für ihr Modell einen großen Sinneswandel bewirken kann.

Elisabeth Mader (34) ist in Oberösterreich geboren und aufgewachsen. Parallel zum Mediendesignstudium in Düsseldorf kam eine Visagistenausbildung und anschließend ein doppelter Berufsstart. Über Mediendesign, Leinwand, Bühnenbild und Kostüme entdeckte sie zunehmend den Körper als Medium. Die Special Effects, wie Silikonmasken im sogenannten Horror- oder Zombie-Make-up begeisterten und brachten sie dahin, Haut großflächig als Gestaltungsfläche zu nehmen. Mittlerweile arbeitet Mader seit 2012 als Make-up-Artist und Bodypainterin und ist damit ziemlich wahrscheinlich die einzige in Wuppertal – ihrer neuen Wahlheimat. „Ich mag die Mischung aus kleinen Kunstszenen und die Natur”, so die Künstlerin, die eher zufällig hier gelandet ist. „Wesentlich schöner als der Ruf der Stadt” sei es hier allemal, findet sie.

Sie hat das gemeinsame Gestalten mit dem Modell zu ihrem Steckenpferd gemacht, denn nur malen, um sich selbst zu verwirklichen, wurde ihr irgendwann zu langweilig. Der Körper selbst, seine Muskeln und das Skelett geben die Linien vor, sowie der Charakter des Menschen. Manchmal stelle man oft erst im Prozess fest, ob die Bemalung und das Gemüt übereinstimmen, und lege auch bei Bedarf von vorne los, erzählt Mader. Sie arbeitet viel in die düstere Richtung – ihre Halloween-Kostüme für die Millionen-Influencerin Sophia Thiel ließen bereits das dritte Jahr in Folge Hunderttausenden von Followern das Blut in den Adern gefrieren. Nach der Performance als Dämon mit Hörnern und Stacheln, die aus ihr herauswuchsen, meinten einige zu Thiel, dass Heidi Klum mit ihrem Horror-Faible sich da was abschneiden könnte. „Da geht es um die Möglichkeit, mal nicht schön, sondern hässlich, düster und gruselig sein zu dürfen”, meint die Bodypainterin.

Die fertigen Kunstwerke kommen oftmals durch Requisiten erst richtig zu Geltung. So wie diese „Red Queen“, die rote Königin. Foto: Pixelutions Photography

Ihre Einsätze könnten vielfältiger kaum sein: Neben kommerziellem Bodypainting auf Messen, Werbung für Firmen oder auf Festivals gestaltet Elisabeth Mader viel im Privatauftrag. „Körper zieht natürlich als Werbung”, gesteht sie ganz offen, vor allem zum Bewerben von „unsexy“ Produkten wie Gas- und Wasserinstallationen, Motorartikeln oder etwas Trivialem wie Duschtüren. Auf einem Plakat wäre so etwas kein Hingucker. Ob die nackt bemalten jungen Models, die vor Motorhauben posierten, nicht unter sexistischer Werbung zu verorten seien? „Körper ist Körper”, überlegt sie, „egal ob Mann, Frau und sämtliche Varianten dazwischen.“ Sexuelle Formen werden bei ihr ausdrücklich nicht betont: „Ich mache keine Christbaumkugeln auf die Brust.” Auch wenn bei den Meisterschaften während öffentlicher Paintings fotografisch auf Körperteile gezielt wird, die mit der Malfertigkeit wenig gemein haben, wird konsequent dazwischengegangen. „Darum geht es einfach nicht, das soll nicht der Fokus sein“, sagt Mader entschieden.

„Ein Körper ist nichts Anstößiges“

Oft bekomme sie auch die Frage zu hören: „Würdest du auch mit sowas arbeiten?” Während mit dem abschätzigen „Sowas” der eigene Körper gemeint wird, ist es für sie – sei es Übergewicht, hängende Haut, Verletzungen, Amputationen – völlig egal, wie der Körper aussieht: „Ein Körper ist nichts Anstößiges.“ Da sagt sie einfach: „Du hast Body, ich hab Painting.“ Immer mehr Menschen wollen es privat ausprobieren. Sie sei sogar schon mal von Eltern als Abi-Geschenk verschenkt worden, erzählt die Künstlerin. Die meisten der Modelle, die zu ihr kommen, seien aber eher Ende 30 oder über 40. Um sich mal anders zu erleben, Veränderungen im Körper festzuhalten und nur ein paar Handybilder für sich selbst zu machen. Ganz nach dem Motto: „Das wollte ich immer mal machen, habe mich aber nie getraut.” Manche kommen mit gezielten Ideen, während andere nur ein Thema oder eine Farbe mitbringen. „Ich möchte Hauptfarbe Gelb“, soll eine Frau gesagt haben, der Mader daraufhin einen Kragen aus Badeenten kreierte. Manchmal reiche ihr ein kleiner Impuls, um loszulegen. Während die Künstlerin sich um einen Menschen mit weichen Pinseln, Schwämmen und Airbrushpistole herumbewege, entstehe bei diesen ein Wohlfühlen, da sei „jemand, der sich kümmert, jemand, der etwas für mich macht“, erklärt sie den Effekt. Wie eine Me-Time im Spa, wenn man’s so will.

Ihre Erlebnisse hat Elisabeth Mader im Herbst 2025 als Buch herausgegeben. In „Vom Sehen zum Fühlen: Wie Bodypainting helfen kann, den Blick auf dich selbst zu verändern“ teilt sie, wie Menschen sich bemalt plötzlich ganz anders im Spiegel erleben. „Wir haben alle Automatismen im Kopf: Ich bin zu klein, ich bin zu dick, die Narbe stört. Wenn ich das dann plötzlich nicht mehr sehe, merke ich: So schlecht sehe ich nicht aus. Das stoppt das Hamsterrad.“ Menschen, die stark abgenommen haben oder sich nach einer Brustamputation an ihren Körper neu gewöhnen, sagen auf einmal: Es ist ok. Da wirke die Malerei gleich wie Natur oder Musik: „Wenn ich mich als Kunstwerk sehe, ist das ein Impuls, die eigenen Gedankenmuster aufzubrechen. Die Narbe ist zwar da, aber sie ist nicht schlimm.”

Am schönsten sei immer die erste Reaktion, so die Künstlerin. Wie bei einer Frau, die sich noch zu Beginn ihrer Karriere einfach schminken durfte: „Die guckte sich im Spiegel an und sagte gar nichts mehr. Dann drehte sie sich um und sagte mit Tränen in den Augen: Ich bin ja doch schön.”


Vielen Dank an Anna Schwartz für das Titelbild des Artikels.

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